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Flevo Führerschein


... oder wie ich das Flevo überredete mir zu gehorchen ...

Wildes Flevo vor der Zähmung ...

Beschreibung und Erfahrungsbericht eines Anfängers.


09. Sept. 2002
Da steht es nun vor mir - das Flevo - Trike.
Als Rainer es auseinander gebaut hat, sah es ja ganz einfach aus. Da dachte ich mir, dass es ja wohl auch ganz einfach wieder zusammen geht. Den Bürgersteig mit den beiden Hälften versperrend stehe ich nun da wie ein Häufchen Elend und versuche das Gelenk so locker flockig wieder zusammen zu bekommen. Dabei lasse ich mich durch meinen interessiert herbeigeeilten Nachbarn auch gar nicht aus der Ruhe bringen, der gleich hunderte von Bedenken gegenüber dem Flevo äußert. Als ich ihn dann bitte, er möge doch bitte mal das Vordereil festhalten, ist er plötzlich seltsam ruhig. Nach 20 Sekunden fummeln und des AHA-Effektes, dass die Sitzbefestigung da auch was mit zu tun hat, habe ich die Verbindung endlich zusammen. Mein Nachbar verabschiedet sich dann auch sehr schnell als ich mich bedankte. Aus den Augenwinkeln konnte ich noch erkennen, wie er die Kettenschmiere mit einem Taschentuch versucht aus der Hand zu wischen.
Für die Nacht habe ich dem Flevo ein Plätzchen unter einem Balkon im Innenhof reserviert.
Einen unbeobachteten Moment nutzte ich dann aber doch um wenigstens mal Probe zu sitzen.
Natürlich kippte ich sofort um und lag auch gleich sammt Flevo auf der Seite - morgen ist auch noch ein Tag.
   
10. Sept. 2002

Den ganzen Tag habe ich mich mental auf das Flevo eingestimmt, damit optimale Vorraussetzungen für das abendliche "Einreiten" bestünden.
Flevo aufgeschlossen und umständlich auf dem 3 Meter breiten Pflasterstreifen ausgerichtet - umgefallen.
Aufgehoben, festgehalten, Bein drüber, Hintern sucht Sitzschale - umgefallen. Aufgehoben, noch mehr festgehalten, Bein drüber, stark Konzentriert, Hintern über der Sitzschale ausgerichtet, noch mehr Konzentriert und - hingefallen. Das fängt ja toll an. Ja bin ich denn zu blöd um wenigstens auf einem Rad zu sitzen, auf dem andere Leute sich fortbewegen? Dann habe ich den Bogen raus und weiß wo ich was festhalten muß, damit es nicht gleich wieder umfällt. Ich sitze - jippie.
Triumphierend sitze ich auf dem Flevo mit beiden Beinen fest auf dem Boden abgestützt und den Lenker verkrampft in den Händen. Irgendwie muß ich die Füße da "vorn" auf die Pedalen bekommen und dann fahre ich einfach los...
Linken Fuß auf die Pedale, rechten Fuß vom Boden hoch und - umgefallen.
Nach ein paar Minuten kunstvoller Akrobatik kann ich mit beiden Händen am Hinterbau festhaltend, zumindest im Stand austesten wie sich das Flevo verhält wenn man mit den Beinen versucht zu Lenken und sich die Sitzschale ebenfalls mit neigt.
Das Gefühl ist sehr ungewohnt und befremdlich.
Nach ein oder zwei Stunden Testen komme ich zumindest schon mal 10 Schritte weit, bevor ich wieder unfreiwillig absteigen muß oder mich mit den Beinen am Boden abfangen kann. Für heute soll es mal genug sein.

   
12. Sept. 2002 Alles eine Frage des Willens.
Nachdem das Flevo und ich 3 Stunden die Definition getroffen haben, daß jenes Ende wo die Füße hinzeigen "Vorn" ist, kann ich zumindest schon mal die Strasse hochfahren. Natürlich noch immer mit beiden Händen am Hinterbau abgestützt. Die Strasse ist eine Fahrradstrasse auf der ich die volle Asphaltbreite ausnutzen kann. Und das ist auch nötig. Bisher konnte ich mich mit dem Flevo auch nur auf die grobe Richtung einigen.
   
14. Sept. 2002 Zwischendurch immer mal wieder ein paar Versuche.
Mittlerweile kann ich die linke Hand vom Hinterbau nehmen und zum Bremsen verwenden. Das erspart mir das Abraddieren meiner Schuhsohlen.
Einige Runden um den Block bei voller Ausnutzung der Strassenbreite sind jetzt schon möglich.
Allerdings immer noch mit der rechten Hand am Hinterbau.
   
17. Sept. 2002 Nur die Füße wissen wohin.
So gaaanz langsam bekomme ich ein Gefühl dafür, wie ich mit den Füßen in Verbindung mit der "Rückendrehung" in eine von mir bestimmte Richtung fahren kann und muß mich nicht mehr auf die Richtungsvorschläge des Flevo einstellen.
Irgendwann muß man ja schließlich mal unabhängig werden und seinen eigenen Willen durchsetzen.
Ohne Handkontakt zum Hinterbau funktioniert das Fahren aber immer noch nicht. Der Umdenkprozess des neuen "Radfahrens" dauert sehr lange. Ein paar Minuten lang weiß das Gehirn zu welcher Seite man seine Lenkbewegung korrigieren muß um nicht umzukippen und ganz plötzlich schlägt man wieder die entgegengesetzte Seite ein.
Definition: Immer da wo die Füße hinzeigen ist Vorn!
Lenken mit den Händen am Lenker ist gar nicht möglich, weil die Füße am langen Ausleger viel mehr Kraft haben und die Richtung bestimmen.
Das erinnert mich an einen Italo-Western bei einer Szene über das Schießen mit einem Colt: "Pass auf Django, der Lauf einer Kanone ist dein verlängerter Zeigefinger. Wo der hinzeigt ist das Ziel.."
   
18. Sept. 2002

Nicht unterkriegen lassen. Ich sitze oben drauf, also bin ich der Chef. Klare Vorgaben für das Flevo.
Da man nur an der Basis des Geschehens was lernen kann, habe ich für heute beschlossen mit dem Trike in die Innenstadt zu fahren und dort ein kleines Bierchen zur Belohnung einzufangen wenn ich es denn bis dorthin schaffe. Mit einem Upright ist das eine Strecke von 12 Minuten. Nach 20 Minuten etwas langsamen Herantastens an den Stadtkern und nach 3 Notbremsungen bin ich fast am Cafe "Extrablatt" angekommen. Fast, denn so ein ordentlicher Hinfaller vor dem draußen sitzenden Publikum erhöht den Aufmerksamkeitsfaktor unheimlich. Gedacht - getan.
Souverän hebe ich das Rad auf und schließe es an einen Laternenpfahl. Zügig humpelnd suche ich mir einen Platz an den Aussentischen und studiere die Karte ohne mir die seitlichen Blicke anmerken zu lassen - dummdidumm...
Nach zwei Altbier sitzt man dann ja auch schon etwas lockerer auf dem Flevo. Während der Rückfahrt versuche ich immer wieder die Hände ganz vom Hinterbau loszulassen und nur mit den Beinen zu lenken. Für kurze Strecken funktioniert das dann auch. Aber sobald ich etwas übersteuere kommt das ganze Gefährt so arg ins Schwanken, dass ich den Hinterbau zum Abstützen suche.
Zum abendlichen Abschluss noch eine Stunde "Achten" fahren auf dem Garagenhof mit eingebauten Abstiegsversuchen und leise fluchenden Kommentaren.
Als ich die Treppe in die Wohnung hochgehe, bemerke ich dass mein Hirn noch voll auf das Aussteuern des Gleichgewichtes durch Einsatz der Hüfte und Beine programmiert ist, dass ich in leichten Schlangenlinien die Treppe hochschwanke.
Fazit des Tages: Gut dass Rainer die zusätzlichen Lackschrammen und abgeschrabbelten Bremsgriffe nicht sehen kann - sorry Rainer. Ich lackiere es neu!

   
19. Sept. 2002 Nachdem der Ausritt gestern ja so einigermaßen gut funktioniert hat, beschließe ich kurzerhand mit dem Flevo die 7 km zur Arbeit zu fahren. Die Strecke führt durchweg nur durch Waldstücke, Schrebergärten und gut ausgebaute Radwege bis auf die Messe (Tourenbericht gibt es hier).
Das letzte Drittel der Strecke probiere ich die Hände immer mal wieder an den Lenker zu bekommen und synchron mit den Beinen mitzulenken. Irgendwie bekommt die feinmotorische Hirn-Steuerung die Synchronisierung aber nicht übereinander. Sobald die Hände am Lenker sind kann ich mit den Beinen nicht mehr richtig lenken. Lasse ich sie lässig herunterhängen funktioniert das deutlich besser.
Das ist das erste Fahrrad was ich fahre, welches ich freihändig besser beherrsche als mit den Händen am Lenker.
Während der Rückfahrt bemerke ich, dass ich immer mehr aus der Hüfte heraus lenke und nicht nur mit den trägen Schwenkbewegungen der Beine. Trotzdem muß ich bei kritischeren Seitenausbrüchen und Lenkfehlern immer wieder den Kontakt zum Hinterbau suchen um mich mit dessen Hilfe im Geradeauslauf zu stabilisieren.
Fazit des Tages: Macht Lust auf mehr!
   
01. Okt. 2002 Üben, üben, üben - anders kann man das "Booven" wohl nicht erlernen. Jeden Tag geht es etwas besser.
Zwischenzeitlich habe ich meine Feinmotorik soweit "eingefahren", dass ich mit meinen Händen am Lenker mitsteuern kann ohne die Spur mit den Beinen zu verreissen. Trotzdem gibt es immer wieder Situationen, bei denen sich das Flevotrike aufschaukelt und ich mit der Hand den Hinterbau zum Stabilisieren suche.
Zwischenzeitlich habe ich die Ladegut-Kiste wieder montiert und erste Einkaufsfahrten mit dem Flevo unternommen.
Erstaunlicherweise verändert sich das Lenkverhalten bei Beladung praktisch nicht.
   
19. Okt. 2002 Bis hierher bin ich gekommen, nun ist erwartungsgemäß eine der beiden Spannschrauben des Tretlagers ausgerissen.
Rainer hatte mir eigentlich prophezeit, dass ich nicht mal einen Tag damit fahren könne. Dickfälligkeit siegt!
Immerhin habe ich noch knapp 300 km Lernkilometer für meinen Flevoführerschein damit absolvieren können und möchte nun behaupten: "Ich kann Flevo fahren"

Insgesamt ist es dann doch schneller gegangen als ich mir das im Vorfeld vorgestellt hatte.
Nun wird das Flevotrike bis zum kommenden Frühjahr komplett zerlegt, begutachtet und nach dem Pulvern wieder aufgebaut. Die dunklen Winterabende sind gerettet ;-)
   
 
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